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...und dann begriff ich, dass ich es mir Wert bin!

Aktualisiert: 26. Feb. 2020

Ein schepperndes, klirrendes Geräusch... ich höre es noch als ob es jetzt gerade geschehen würde. Mir ist kalt, unendlich kalt. Alles hört sich so verschwommen an. Ich fühle mich, als ob ich gar nicht ich wäre. In weiter Ferne höre ich ein Baby schreien. Ein Baby, mein Baby? Vor nicht einmal einer Stunde habe ich meine vierte Tochter auf die Welt gebracht. Sie ist gesund. Ein zauberhaftes Mädchen. Sie hat kraft in der Stimme. Aber wieso höre ich sie nur in so weiter Entfernung und wo ist mein Mann? Ich verstehe das alles nicht. Und warum ist mir so schrecklich kalt?

Ich versuche mich zu erinnern. Stimmt, die Hebamme hat mich auf mein Zimmer gebracht und zu mir gesagt, ich solle klingeln wenn etwas sei oder ich Hilfe bräuchte. Mein Mann hat sich verabschiedet, es war auch wirklich spät geworden. Er wollte nach den grossen Mädchen schauen, die Zuhause mit Ihrer Oma auf die Neuigkeiten warteten. Die ersten Fotos anzuschauen von ihrer kleinen Schwester.

Aber was war dann passiert, ich verstehe es immer noch nicht.

Ich merke wie sich alles dreht, ich schwitze, ich habe Schmerzen, ich kämpfe, warum nur kämpfe ich? Ich habe Todesangst! Da ist die Hebamme, sie tätschelt mir ins Gesicht. Ich solle zu mir kommen. Ich möchte ja, aber die Welt da draussen ist soweit weg. DA, ich höre sie wieder schreien. Sie schreit so laut, dass ich mir wünsche zu leben! Aber ich merke wie meine Kraft nachlässt, wie der Wille zu leben ganz langsam schwindet. Und dann ist es plötzlich, für einen kleinen Moment ganz still. Mein Leben zieht wie in einem Film an mir vorbei. Ich sehe meine Kinder, meinen Mann, die allerschönsten Momente meines Lebens und ich stelle fest, dass es gar nicht die Momente sind, die ich vielleicht vermutet hätte. Nein, es sind die kleinen Dinge. Ein Bild hat sich tief in mir eingeprägt. Meine drei Grossen sitzen auf der Wiese mit meinem Mann und machen ein Picknick mit Apfelschnitz und Butterkeks. Ein schönes Bild. Meine zwei Großen spielen auf der Wiese hinter dem Haus Pferd an der Loge, sie lachen und galoppieren, herrlich. Meine Mutter tanzt mit ihrem Vater Polka und Oma steht daneben und lacht. Das also sind die Glücksmomente meines Lebens gewesen? Und dann wird es friedlich in mir. Ich bin dankbar für das was ich erleben durfte, bin mir sicher, dass auch meine jüngste Tochter, gerade geboren, bei Ihrem Vater wunderbar geborgen ist und alles in Ordnung sein wird. Ja, ich darf gehen! Es wird still, bis auf das weinen meiner Tochter, aber das macht mir nun nichts mehr aus. Dann sehe ich es, alle sprechen immer davon: Das weiße Licht. Da ist es, es ist so friedlich als würde es mich umarmen. Mir sagen: "Komm es ist alles in bester Ordnung!"


Aufgewacht bin ich auf der Intensivstation der Uniklinik. Mir fehlen einige Tage der Erinnerung und tatsächlich auch die ersten Stunden mit meinem Neugeborenen Baby. Aber, ich lebe!

Dieses Erlebnis hat nicht nur mich geprägt. Sondern unsere ganze Familie. Meine drei Großen, die verlustängste quälten, mein Mann, der unter Schock stand ( nur ein paar Wochen zuvor hatte er seinen Vater unerwartet verloren), genauso wie mein Jüngste, die immer wieder mit Schuldgefühlen zu kämpfen hat.

In den ersten Wochen nach der Geburt war ich so schwach, dass ich mich nicht selbst versorgen konnte. Ich war auf Hilfe von der Ambulanten Pflege angewiesen. Ohne Sie wäre es nicht gegangen. Als es mir schrittweise besser ging ist etwas seltsames passiert.

Anstatt ich das Leben nun Dankbar angenommen hätte und mich gefragt hätte was denn nun wirklich zählt im Leben. Habe ich mich in die Arbeit gestürzt. Ich habe Ämter angenommen. Habe überlegt was ich noch alles tun könnte. Habe begonnen meinen Haushalt auf Vordermann zu bringen. Gemistet was das Zeug hält. Nur eines hatte ich nicht, Zeit für meine Kinder, meinen Mann oder mich!

Alpträume plagten mich, ich konnte nicht im dunkeln schlafen. Ich war rastlos. Ich stand unter Schock! Konnte das Leben wirklich so schnell vorbei sein? Konnte ich einfach so die Kontrolle über mein eigenes Leben verlieren?

Ja! Jeder von uns kann das! Aber deswegen müssen wir keine Angst haben. Wovor wir aber Angst haben sollten, ist das wir vergessen was wirklich zählt im Leben. Denn das Leben ist zu wertvoll um Tot zu sein. Wie oft verschwenden wir Tage, mit Leblosem Leben? Mit unnützen Dingen. Mit Terminen über Terminen und vergessen uns selbst dabei. Wer wir waren oder wer wir sind. Haben Kinder um sie anderen zu überlassen. Oder Partner um keine Zeit für einander zu haben. Davor sollten wir uns hüten. Ein Leben, Leblos zu leben.


Nun, irgendwann in der Zeit nach meinem zweiten Geburtstag, habe ich begriffen, dass wahres Leben dann beginnen kann wenn ich mich selbst ernst nehme und meine Träume nicht nicht träume, verschlafe sondern aufwache, aufstehe und mein Leben in die Hand nehme. Jeden Tag aufs neue beginne, mich selbst kennenzulernen, aus Fehlern zu lernen, Momente genieße, hinfalle und wieder aufstehe.

Auf diesen Weg möchte ich Euch gerne mitnehmen.

Geschichten und Erlebtes mit euch teilen. Ich möchte offen sein, Euch zeigen, dass in der heutigen perfekten SocialMedia Zeit, auch ein unperfektes Leben vielleicht gerade das perfekte Leben ist.



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